
Herr Dr. Yilmaz, das Lehr- und Forschungsgesundheitsamt der Region Hannover besteht nun seit etwa einem halben Jahr. Welche Erfahrungen haben Sie bislang gesammelt?
Nach der Corona-Pandemie sind die Anforderungen für den kommunalen Öffentlichen Gesundheitsdienst (ÖGD) in Bezug auf Hochschullehre und Forschung deutlich gestiegen. Bundesweit haben sich vor allem große Gesundheitsämter auf den Weg gemacht, diese Bereiche aufzubauen und zu entwickeln. Die Region Hannover hat diese Lücke mit der Stabsstelle Lehr- und Forschungsgesundheitsamt (LFGA) in seinem kommunalen Öffentlichen Gesundheitsdienst geschlossen. Damit ist dieses Lehr- und Forschungsgesundheitsamt niedersachsenweit einmalig und ein großer Meilenstein in der Weiterentwicklung zu einem modernen, zeitgemäßen Öffentlichen Gesundheitsdienst.
Seit der Gründung des LFGA gibt es vermehrt Anfragen von Hochschulen und anderen Kooperationspartner*innen zu Forschungsvorhaben im und mit dem ÖGD. Offensichtlich besteht somit der Bedarf an einer solchen Struktur. Auch Nachfragen anderer Gesundheitsämter, die sich ebenfalls in diese Richtung weiterentwickeln wollen, zeigen, dass der eingeschlagene Weg richtig ist. Ferner geht das LFGA selbst aktiv auf andere Gesundheitsämter und mögliche Kooperationspartner*innen zu, um diesen ÖGD-Bereich weiter zu entwickeln. Die Zusammenarbeit und die Gespräche gestalten sich bisher konstruktiv und positiv. Der ganze Prozess wird aber noch Zeit brauchen, da strukturelle Veränderungen in der Binnenstruktur sowie in der Kooperation erforderlich sind und jetzt in Gang gesetzt wurden. Insgesamt sind wir auf einem guten Weg.
Der diesjährige Tag des Gesundheitsamtes steht unter dem Motto „Klimawandel und Gesundheit“. Welche Rolle spielt dieser Themenkomplex im Öffentlichen Gesundheitsdienst?
Die Weltgesundheitsbehörde (WHO) bezeichnete schon 2021 den Klimawandel als die „größte Gesundheitsbedrohung für die Menschheit“, denn er beeinflusst auf vielen Wegen die menschliche Gesundheit. So führt er unter anderem zu einer Zunahme von Extremwetterereignissen wie Dürren und Hitzewellen. Dies beeinflusst die Wasserqualität und -menge ebenso wie die Lebensmittelproduktion und -sicherheit. Er hat Einfluss auf die Luftqualität, beispielsweise führen hohe Lufttemperaturen und eine intensive Sonneneinstrahlung zu einer erhöhten Luftschadstoffbelastung und zu bodennahem Ozon. Dies begünstigt wiederum Atemwegsprobleme. Auch die Allergenmenge und die Art der Allergene verändert sich, was die Zahl der Allergien vermehren kann. Insofern ist der ÖGD gefordert, diese Risiken zu analysieren und zu erforschen. Zukünftig wird es noch notwendiger, dass mit lokal maßgeschneiderten Lösungen auf diese Klimaherausforderungen reagiert wird, da je nach lokaler Geografie die Klimafolgen unterschiedlich sein können. Das Ziel ist, eine weiterhin gute Bevölkerungsgesundheit zu erhalten und zu entwickeln.
Ein Anstieg der Jahresmitteltemperatur und eine Zunahme von Hitzetagen ist zu verzeichnen. Wie müssen Städte zukünftig gebaut werden?
Aus gesundheitlicher Sicht stellen Hitzetage und Tropennächte, also deutlich erhöhte Temperaturen, eine mögliche Gefährdung vor allem von vulnerablen Bevölkerungsgruppen dar. Beispielsweise sind dies Kleinkinder, ältere oder vorerkrankte Menschen. Insofern wird zukünftig auch der Städtebau hierauf stärker ausgerichtet sein. Beispielsweise gilt es, durch gute Baustrategien Luftschneisen einzuplanen und durch entsprechende Begrünung gezielt Schattenplätze in den Städten zu schaffen. Ebenso wichtig ist es auch, durch flächendeckende öffentliche Trinkbrunnen die ausreichende Flüssigkeitszufuhr im öffentlichen Raum zu ermöglichen. Viele Gesundheitsämter haben zudem schon entsprechende Hitzeaktionspläne erstellt bzw. an der Erstellung mitgewirkt, um entsprechende gesundheitliche Überlegungen in praktikable Lösungen vor Ort umwandeln zu können und Empfehlungen an die Bevölkerung zu geben.
Durch den Klimawandel breiten sich Stechmücken und Zecken weiter aus, was neue Infektionsrisiken mit sich bringt. Wie sollte auf diese vektorübertragenen Erkrankungen reagiert werden?
Wichtig wird zukünftig sein, ein flächendeckendes Mücken- und Zeckenmonitoring zu etablieren. Dies dient dazu, zu erkennen, welche Mücken- oder Zeckenarten sich ansiedeln. Diese Tierarten können in der Folge Erkrankungen auf den Menschen übertragen. Um dies zu verhindern, wird es darum gehen, entsprechende Vorkehrungen im Rahmen der Öffentlichen Gesundheit zu treffen: Das heißt, dass die Brutstätten dieser Tiere bekämpft werden und dass die Bevölkerung entsprechende Vorkehrungen trifft, um sich zu schützen. Dies können die angepasste Kleidung, der Mücken- und Zeckenschutz und wo vorhanden auch die entsprechende Impfung sein. Auch diese Risiken werden von den Gesundheitsämtern und dort insbesondere von den Infektionsschutz-Bereichen intensiv beobachtet. Es werden gute und konstruktive Maßnahmen zur Bekämpfung dieser Risiken entwickelt. Hierbei lernen wir alle auch von den südeuropäischen Ländern, die diese Gesundheitsgefahren schon länger kennen.
Starkregenereignisse, Stürme und Dürren nehmen zu. Welche Anpassungen sind im bevölkerungsmedizinischen Krisenschutz erforderlich?
Aus Sicht der Öffentlichen Gesundheit geht es darum, unsere Gesellschaft und unsere Umwelt widerstandsfähiger und resilienter zu machen. Dies kann bedeuten, dass bauliche und technische Anpassungen erfolgen, um schnell herabregnende große Wassermassen aufzunehmen, wie es im „Schwammstadt“-Konzept vorgesehen ist. Das Wasser wird dann langsam und kontinuierlich wieder abgegeben und beispielsweise zur Bewässerung genutzt. Außerdem gilt es, die Trinkwasserversorgung auch in der Zukunft sicherzustellen. Dazu gehört auch, dass Wasserversorger sich auf erhöhte Tages-Spitzen-Bedarfe einstellen, entsprechend erforderliche Wasserversorgungsanlagen gebaut und angepasste Leitungen verlegt werden. Auch wenn es für viele Aspekte bereits gute technische Lösungen gibt, erfordert die Anpassung an den Klimawandel ein strukturiertes und konsequentes Vorgehen. Der ÖGD ist hierbei an vielen Stellen idealerweise mitzudenken.
Abschließend: Welche neuen Aufgaben der Lehre und Forschung im ÖGD sehen Sie zu diesem Themenkomplex?
In der Lehre ist thematisch neben den klassischen ÖGD-Themen zusätzlich der Klimawandel mit all seinen gesundheitlichen Facetten einzuplanen. In der Forschung wird es darum gehen, die konkreten Auswirkungen vor Ort zu analysieren und passgenaue Lösungen zu entwickeln. So beteiligt sich die Region Hannover beispielsweise als Partnerin bei einem Antrag zu einem Forschungsvorhaben zum Thema „Mikroklima in der Stadt und die gesundheitlichen Folgen“. Erforderlich wird weitere Forschung aber auch im Bereich der vektorübertragenen Erkrankungen, des Trinkwassermanagements, der Allergieentwicklung und weiteren klimawandelbedingten Aspekten sein. Das heißt für uns, es gibt noch viel zu tun, um im Themenkomplex „Klimawandel und (Öffentliche) Gesundheit“ die Widerstandsfähigkeit und Resilienz zu erhöhen und so die Bevölkerungsgesundheit weiter zu stärken.
Herr Dr. Yilmaz, vielen Dank für das Gespräch!
Die Fragen stellte Greta Becker, Pressereferentin, Marburger Bund Niedersachsen.